{"id":37,"date":"2018-02-06T19:39:05","date_gmt":"2018-02-06T19:39:05","guid":{"rendered":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/?page_id=37"},"modified":"2024-10-29T10:09:39","modified_gmt":"2024-10-29T10:09:39","slug":"mehlherstellung","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/?page_id=37","title":{"rendered":"Mehlherstellung"},"content":{"rendered":"<h3>\u00dcber die Mehlherstellung in der M\u00fcllerei und in der Wasserm\u00fchle Ovelg\u00f6nne<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem noch heute in der Wasserm\u00fchle Ovelg\u00f6nne vorhandenen Mahlgang wird zu Vorf\u00fchrungszwecken gemahlen. Das fertige Endprodukt ist Schrot, welches sich entweder als Viehfutter oder zum Verbacken bei gr\u00f6berem Brot und Kuchensorten eignet. In diesem Schrot sind noch nahezu s\u00e4mtliche Bestandteile des Kornes vorhanden, weshalb mancher dieses Produkt heutzutage auch als &#8222;Vollkornmehl&#8220; bezeichnen mag. Nun ist der Begriff &#8222;Mehl&#8220; hierbei etwas irritierend, da richtiges Mehl eigentlich etwas anders beschaffen ist. Das &#8222;Mehl&#8220; sind als Endprodukt in der Fachsprache lediglich die Bestandteile des Mehlkernes im Korn.<br \/>\nDazu muss man wissen, dass ein Korn aus mehreren Bestandteilen besteht, deren kleinstes im Inneren der Mehlkern ist. Im Mahlgang werden alle diese Bestandteile zermahlen und verlassen auch in diesem Zustand den Vorgang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun stellt sich nat\u00fcrlich die Frage, wie man aus diesem Gemisch die Teile des Mehlkernes herausbekommt. Dies geschieht durch Aussieben. Daf\u00fcr besa\u00dfen viele M\u00fchlen spezielle Maschinen, die mit einem Oberbegriff heute &#8222;Sichter&#8220; hei\u00dfen. Von diesen Maschinen gibt es einige verschiedene Typen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorl\u00e4ufer der Sichter waren manuell gesch\u00fcttelte Tuche, auf denen das Mahlgut lag und durch Ersch\u00fctterung die kleinen Bestandteile (das Mehl) nach unten durchfiel. Die Sichtmethode kannten sogar schon die alten R\u00f6mer in der Antike.<br \/>\nAls erste mechanische Sichtmaschine kam dann gegen 1500 allgemein der sog. &#8222;Beutelkasten&#8220; auf. Dies ist ein schrankartiger Holzkasten, in dem schr\u00e4g eine Tuchrolle aufgeh\u00e4ngt ist, die mittels einer Holzgabel gesch\u00fcttelt wird. Die Ersch\u00fctterung wird durch Nocken auf der Antriebsachse des Mehlgangs erzeugt. Durch diese Ersch\u00fctterung wird das Mehl regelrecht aus der Tuchrolle (Beutel) herausgeschlagen und f\u00e4lllt in den Holzkasten, w\u00e4hrend die gr\u00f6beren Bestandteile aufgrund der Schr\u00e4glage des Tuches nach hinten aus dem Kasten herausrutschen. Solche Beutelk\u00e4sten sind in Wasser- und Windm\u00fchlen unserer Breiten bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine recht h\u00e4ufige Erscheinung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon gegen Mitte des 18. Jahrhunderts versuchte man die Sichtung zu verbessern und es kamen langsam neuere effektive Sichtmaschinen auf. Hier w\u00e4ren als estes der sog. &#8222;Zylindersichter&#8220; zu nennen. Dies ist wiederum ein schrankartiges Geh\u00e4use, in dem nun schr\u00e4g ein sich langsam drehender, mit Draht-, Stoff- oder Seidengewebe bespannter Hohlzylinder aufgeh\u00e4ngt ist. Durch die Drehung fallen Mehlbestandteile nach unten aus dem Zylinder, w\u00e4hrend die groben Bestandteile darin bleiben und wiederum aufgrund der Schr\u00e4glage der Trommel nach hinten herausrutschen. Sp\u00e4ter gestaltete man die Trommel sechskantig, woraus dann der Begriff &#8222;Sechskantsichter&#8220; entstand.<br \/>\nSechskantsichter sind ebenfalls in allen M\u00fchlen eine h\u00e4ufige Erscheinung gewesen und teilweise heute noch anzutreffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Sechskantsichter wurde in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts der Zentrifugalsichter entwickelt. Hier wurde das Mahlgut durch eine Art Rotor von Innen gegen die Trommel getrieben, wobei die feinen Mehlbestandteile durch die Bespannung hindurch geworfen werden, w\u00e4hrend die gr\u00f6beren Teile durch schr\u00e4ge Wurfbleche am Rotor nach hinten aus der Maschine herausgeworfen werden. Damit die Bespannung der Trommel nicht verstopft, dreht sich die Trommel langsam an einer B\u00fcrstenreihe entlang, die die Siebe st\u00e4ndig reinigt. Zentrifugalsichter sind heute ebenfalls noch relativ h\u00e4ufig in Wind- und Wasserm\u00fchlen anzutreffen.<br \/>\nDaraus wurde dann gegen Anfang des 20. Jahrhunderts der sog. &#8222;Wurfsichter&#8220; entwickelt. Hier wird das Mahlgut mit h\u00f6herer Geschwindigkeit als beim Zerntrifugalsichter mittels eines Rotors gegen einen feststehenden Siebrahmen geworfen. Eine Siebreinigung ist nicht erforderlich, da der durch den sehr schnell laufenden Rotor erzeugte Luftstrom die Bespannung st\u00e4ndig freih\u00e4lt. Wurfsichter sind ebenfalls noch sehr h\u00e4ufig in Wind- und Wasserm\u00fchlen anzutreffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als modernstes Siebverfahren sind dann die Plansichter und Flachsichter zu nennen. Diese bestehen aus mehreren \u00fcbereinandergelegten Siebrahmen. Das Maschinengeh\u00e4use ist an Seilen oder Bambusst\u00e4ben schwingend aufgeh\u00e4ngt. Die Schwingung entsteht bei beiden Arten durch eine Kurbelwelle. Beim Plansichter geschieht diese Schwingung kreisf\u00f6rmig, beim Flachsichter hin- und hergehend. Durch diese Schwingung fallen die jeweils feineren Teile durch den Siebrahmen. Plansichter werden heute noch in modernisierter Form in den meisten in Betrieb befindlichen M\u00fchlen verwendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Entwicklung dieser Sichtmaschinen geht einher mit der Einf\u00fchrung neuerer M\u00fcllereimaschinen. Wichtigste Neuerung war hier der Einsatz der alten Mahlsteine durch Walzen. Schon in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts f\u00fchrten einige M\u00fchlenbauer und Ingenieure Versuche durch, mit Walzen zu mahlen. Der eigentliche Durchbruch hierzu gelang erst 1873 dem Z\u00fcricher Ingenieur Friedrich Wegmann mit der Erfindung seines &#8222;Porzellan-Walzenstuhls&#8220;. Nach und nach wurden nun recht viele M\u00fchlen, darunter auch etliche Wind- und Wasserm\u00fchlen, mit diesen Maschinen, f\u00fcr die sich nun fortan der Begriff &#8222;Walzenstuhl&#8220; durchsetzte, ausgestattet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesen Walzenst\u00fchlen kamen auch neuere Vermahlungsmethoden auf, die auch bald den Bedarf nach neueren Sichtmaschinen weckten.<br \/>\nSechskantsichter gibt es seit ungef\u00e4hr der Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie haben sich bis zur Einf\u00fchrung des Zentrifugalsichters in allen Varianten sehr gut bew\u00e4hrt und sind auch sp\u00e4ter noch in verschiedenen M\u00fchlenarten, beispielsweise in Windm\u00fchlen, ein h\u00e4ufig verwendetes Siebsystem, da sie bespielsweise relativ unempfindlich gegen Drehzahlschwankungen reagieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den 1860er-Jahren kamen die ersten Zentrifugalsichter auf, zur vollen Entwicklung kam diese Bauart jedoch erst in den 1880er-Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine sensationelle Erfindung ist dann 1888 der Plansichter von Haggenmacher in Budapest. Es ist daher nicht unverst\u00e4ndlich, dass auch in der Einf\u00fchrung von Walzenst\u00fchlen die Ungarn, oder damals ja noch \u00d6sterreich-Ungarn, viele Verdienste haben. Viele Patente in diesem Bereich, z. B. der &#8222;Planeten- oder Ringwalzenstuhl&#8220; im Jahre 18xx von der Firma Ganz in Budapest stammen daher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">War eine Herstellung von feinem Mehl in der Wasserm\u00fchle von Ovelg\u00f6nne auch m\u00f6glich?<br \/>\nUntersuchen wir die M\u00fchle genauer, so stellen wir fest, dass dem einmal so gewesen sein muss. Zu sehen ist dies u. a. an der Tatsache, dass der noch vorhandene Mahlgang als Auslauf zwei verschiedene L\u00f6cher in seiner Holzverkleidung besitzt. Nur ein Loch ist heute mit einem Holzrohr zum Absacken verbunden. Das zweite Loch war fr\u00fcher mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit mit einer Siebeinrichtung f\u00fcr Feinmehl verbunden. Mahlg\u00e4nge mit zwei getrennten Ausl\u00e4ufen zum direkten Absacken und zur Weiterverabreitung in Sichtmaschinen sind typisch f\u00fcr \u00e4ltere M\u00fchlen, in denen die reine Futterschrotherstellung von der Mehlherstellung noch nicht getrennt ist. Leider ist in hiesiger M\u00fchle nicht bekannt, um was f\u00fcr eine Sichtmaschine es sich gehandelt hat. Aus verschiedenen Beobachtungen l\u00e4sst sich jedoch ersehen, dass es sich um die \u00e4lteste, mechanische Siebform, einen Beutelkasten, gehandelt haben muss. Zum Betrieb eines Sechskantsichters oder der anderen modernen Sichtmaschinen w\u00e4re eine vom M\u00fchlwerk angetriebene eigene Transmissionswelle n\u00f6tig. Von einer Solchen finden wir in hiesiger M\u00fchle keine Anzeichen vor, wir m\u00fcssen daher annehmen, dass es sie nicht gegeben hat.<br \/>\nModerne Sichtmaschinen wie Zentrifugal-, Wurf- oder sogar Plan- und Flachsichter werden sowieso nicht vorhanden gewesen sein, sie passen nicht zum restlichen technischen Standard dieser M\u00fchle. Ein Beutelkasten ben\u00f6tigt keine gesonderte Transmissionswelle und passt in diesem Falle auch recht gut zur sonstigen M\u00fchlenausstattung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Beutelk\u00e4sten geh\u00f6rten zum typischen Bild in Wasserm\u00fchlen &#8222;altdeutschen Typs&#8220;, zu dem die Ovelg\u00f6nner M\u00fchle zweifelsohne zuzurechnen ist. Historische M\u00fchlenbaub\u00fccher zeigen diese altdeutschen Wasserm\u00fchlen mit Beutelk\u00e4sten noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts als wichtige Bauart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In manchen Gegenden Deutschlands ist diese Bauart heute noch vielfach anzutreffen. Hier ist in erster Linie der Schwarzwald zu nennen, wo es noch recht viele solcher M\u00fchlen mit einem oder h\u00f6chstens zwei Mahlg\u00e4ngen und Beutelk\u00e4sten gibt. Dies sind hier zumeist kleinere &#8222;Bauernm\u00fchlen&#8220; f\u00fcr den Bedarf eines oder mehrerer H\u00f6fe. Die hier anzutreffenden Beutelk\u00e4sten sind oft hohen Alters und reich verziert. Man hat hier zudem eine Kultur daraus gemacht, den Kleieauslauf der Beutelk\u00e4sten mit Gesichtern und Fratzen zu verzieren. Der daraus entstandene Begriff &#8222;Kleiekotzer&#8220; hat sich sp\u00e4ter bei diesen Maschinen allgemein eingeb\u00fcrgert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider haben sich in Deutschland mit Ausnahme der &#8222;Hofm\u00fchlen&#8220; im Schwarzwald nur sehr wenige Wasserm\u00fchlen mit dieser altert\u00fcmlichen Mahl- und Sichttechnik erhalten. Dies ist besonders schade, zeigt der um 1500 eingef\u00fchrte Beutelkasten nicht nur die erste Maschine zur Herstellung von Feinmehl verschiedener Sorten, sondern auch die ersten Ans\u00e4tze zur heutigen modernen M\u00fcllerei.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">R\u00fcdiger Hagen, Wedemark<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>\u00dcber die Mehlherstellung in der M\u00fcllerei und in der Wasserm\u00fchle Ovelg\u00f6nne Auf dem noch heute in der Wasserm\u00fchle Ovelg\u00f6nne vorhandenen Mahlgang wird zu Vorf\u00fchrungszwecken gemahlen. <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/?page_id=37\" title=\"Mehlherstellung\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":23,"menu_order":5,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/37"}],"collection":[{"href":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=37"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/37\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":882,"href":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/37\/revisions\/882"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/23"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wassermuehle-ovelgoenne.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=37"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}